11.12.2016 | 08:58


 


Lebenselixier

Ich bin dabei, mich einzunähen
in einen engen Sack aus Leid.
Der Faden Angst ist eingefädelt
und bringt zu Ende das lederne Kleid.
Kaum schauen noch die Arme vor,
sie selber nähen um mich weiter.
Fast seh ich nicht mehr das offene Tor,
hoch zum Fenster die hölzerne Leiter,
auf der dieser Mann kam, mich zu besuchen,
um mich zu lieben, die ganze Nacht,
mit mir zu sprechen, zu tanzen, zu beben.
Ach, wie hat er mich lebbar gemacht!
So dauerhaft kraftvoll und weiberhaft stark,
dass meine Hand plötzlich innehält -
den Faden zertrennt, das Kleid von mir reißt,
die ganze Trauer von mir fällt,
denn ich hab mich erinnert, was lieben heißt!

Sonja Drechsel-Walther

aus »AUSGEWÄHLTE WERKE XVIII«

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